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Die Amigos de Bolivia

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Oder? Na ja, da Karneval zweimal im Jahr stattfindet, beginnt und endet es eben auch zweimal. Der „normale“ Karneval, wie wir ihn beispielsweise von den Straßenumzügen und Sitzungskarneval mit seinen Büttenreden kennen, findet in der Regel im Februar statt und endet mit dem Aschermittwoch. Der Karneval der Kulturen wird seit 1996 alljährlich um das Pfingstwochenende herum im Berliner Stadtteil Kreuzberg begangen. Er hat wohl auch schon Ableger in anderen Städten bekommen – Bielefeld sei hier als Beispiel genannt.

Warum ich das alles erzähle? „Wir haben auch dieses Jahr wieder am Berliner Karneval der Kulturen teilgenommen“, berichtet Irene Stabel von den Amigos de Bolivia.

Es war der Pfingstsamstag um 10 Uhr, als sich die rund 120 Amigos versammelten und sich mit ihren Kindern (die in der Zahl oben nicht enthalten sind) auf den langen, weiten Weg nach Berlin machten. So gegen 16.30 Uhr war man dann endlich am Ziel, dem Quartier, wo man übernachten konnte und wollte. Na ja, wie es so ist, wenn man einmal in der Hauptstadt ist – mit Schlafen hat man da nicht viel im Sinn. Letzte Proben und viel Party standen am Samstag noch auf dem Programm. Und am Pfingstsonntag war es dann um 12.30 Uhr soweit – der Karnevalszug konnte beginnen.

„Der Karnevalszug ist ungefähr so, wie wir ihn vom normalen Karneval kennen. Der Unterschied ist allerdings, daß sich hier beispielsweise Zuwanderer und ihre Kultur präsentieren können. Es gab viele Teilnehmer. Der Zug war sehr lang – wir waren die 66. auftretende Gruppe, “ berichtet Stabel. Daß es einen Wettbewerb gab, bei dem die beste Gruppe prämiert wurde, erzählt die sympathische Kolumbianerin, die seit über 30 Jahren bei uns in Duisburg lebt und arbeitet, nur so nebenbei. „Wir waren angemeldet und hatten 90 Sekunden Zeit, uns zu präsentieren.“ Taquirari, Carnevalito und Chovena heißen die Tänze, die die Amigos aufführten. Auf welchem Platz die Amigos denn gelandet sind? An dieser Stelle schweigt die Höflichkeit des Journalisten wohl besser…

„Der diesjährige Karneval hat uns jedenfalls gut gefallen,“ blickt Stabel jedenfalls zurück. „Wir sind mit unserer Reise zufrieden.“ Und wie hat der Gruppe Berlin gefallen? „Oh, davon haben wir nichts gesehen. Nach dem Karnevalsumzug haben wir noch ein wenig gefeiert. Und am Montag mußten wir ja schon wieder nach Hause.“

Wer aktuelle Bilder vom Karneval der Kulturen 2012 sehen möchte, kann das unter www.karneval-berlin.de tun.

Auch das Wochenende danach war die Gruppe wieder unterwegs. Eine kleinere Gruppe fuhr am Samstag nach Bielefeld, um dort am „Karneval der Kulturen“ teilzunehmen. „Es hat sich gelohnt,“ blickt Stabel zufrieden zurück.

Am 10. Juni 2012 ist die Ruhrolympiade 2012 in Duisburg mit einem bunten Fest für die ganze Familie zu Ende gegangen. Auch hier waren die Amigos de Bolivia mit verschiedenen Tänzen auf einer Show-Bühne vertreten. Die Amigos hatten hier also einen Auftritt praktisch vor „heimischem“ Publikum, so daß auch die interessierten Duisburger sehen konnten, wie temporeich die Tänze und farbenprächtig die Kostüme sind. Der Corporales und der Tinku sind Tänze, die hier aufgeführt wurden.

Doch wer sind diese Amigos de Bolivia, von denen hier die ganze Zeit die Rede ist? Rund 60 von ihnen treffen sich regelmäßig sonntags nachmittags im Internationalen Zentrum der Volkshochschule, also am Innenhafen, um dort gemeinsam zu üben. Es sind hauptsächlich Bolivianer, also spanischsprachige Leute, die mitmachen. Die Tänzer kommen dabei nicht nur aus Duisburg, sondern wohnen über den ganzen Niederrhein und das Ruhrgebiet verteilt.

Die Kontaktdaten sind im Internet, beispielsweise über „Wir sind DU“ (www.wir-sind-du.de) zu erfahren.

Die Herkunft ist für Stabel aber nicht so wichtig. „Es können durchaus auch Deutsche kommen, die einen Bezug zu Bolivien haben, etwa, weil sie mit jemandem von dort verheiratet sind.“

Eine Sache stellt sich im Gespräch als sehr wichtig für sie heraus. „Wir tanzen bolivianische Tänze,“ betont Stabel. „Sie haben nichts mit den lateinamerikanischen Tänzen zu tun.“ Es ist nach ihren Worten eher so, „daß viele Nachbarländer unsere Tänze kopieren möchten, weil sie selbst nichts haben.“

Stabel beschreibt die Tänze als ein Misch aus spanischer und indianischer Kultur, bei der die ursprüngliche, zumeist indianische Kultur erhalten bleiben soll. Auch wenn Gruppen auf der Bühne stehen, tanzt jeweils immer ein Mann mit einer Frau zusammen. Es gibt bolivianische Musik zu hören, bei uns vom Band. „In Bolivien gibt es immer Live-Musik,“ berichtet Stabel. Die Kleidung ist teils schlicht, teils sehr farbig-bunt und je nach Region und Tanz unterschiedlich.

„Unsere Kostüme sind alles Importe aus Bolivien. Es gibt sie in Deutschland nicht zu kaufen,“ berichtet Stabel. Die Kostüme sind dabei nicht nur eine teure, sondern auch eine schwere Angelegenheit „Bei den Frauen kann ein Kleid bis zu 30 Kilogramm wiegen.“

Wenn gewünscht, sind die Amigos nach eigenen Worten auch bereit, irgendwo aufzutreten. „Es wäre allerdings auch schön, wenn der Auftritt bezahlt werden würde, allein schon wegen der Fahrkosten,“ sagt Stabel.

Einige der Tänze, die die Amigos gerne tanzen, seien hier kurz vorgestellt.

Was den Kullawada anbelangt, sind zunächst einige Erläuterungen vonnöten, um den kulturellen Hintergrund besser verstehen zu können.

Die Textilindustrie war, folgt man der Sekundärliteratur, schon immer nicht nur eine wichtig Einnahmequelle. Sie hatte oft auch eine kulturelle Bedeutung, wenn es beispielsweise darum geht, wie man sich kleidet. „Natürliche und abstrakte Elemente werden zu einer komplexen Symbolik verarbeitet, die zum Teil eine genaue Zuordnung einzelner Textilien zu bestimmten Regionen und Dörfern erlaubt,“ ist beispielsweise in der Internetenzyklopädie Wikipedia nachzulesen.

Die Kullawada drückt diese Verquickung der wirtschaftlichen und sozialen Funktion innerhalb der regionalen Textilindustrie aus. Das wichtigste Symbol dieses Tanzes, der vor allem für die Region um die Hauptstadt La Paz typisch ist, ist die Spindel, die jeder Tänzer mit der Hand schwingt.

Sowohl Frauen als auch Männer tragen reich bestickte Hüte mit perlenbesetzten Fransen. Die Männer verwenden schwere Münzgürtel und kurze, bestickte Ponchos, die mit runden Elementen verziert sind, die den alten Silberschmuck repräsentieren. Die Tänzerinnen tragen knielange Trachtenröcke, die Polleras, bestickte Bruststücke und spezielle Dreieckstücher, die Llijllas, die von den Schultern bis zur Taille herabreichen sowie einen Gürtel mit Münztaschen.

Die Morenada gilt als einer der populärsten Tänze Boliviens. Er zeichnet sich nicht nur durch den Reichtum der Kostüme aus. Dieser Tanz entstand während der ersten Jahren nach der Unabhängigkeit von Spanien (1825). Der Tanz wird angeführt durch den Rey Moreno (schwarzer König).

Um den Tanz besser verstehen und einordnen zu können, sei hier ein Blick in die Geschichte Boliviens erlaubt. In der Kolonialzeit mußten Indianer und Schwarze in den Silberbergwerken von Potosi unter unmenschlichen Bedingungen als Sklaven arbeiten. Als keine Indianer mehr in genügender Anzahl aufgetrieben werden konnten, wurden Sklaven aus Angola, Guinea und aus dem Kongogebiet in die spanische Kolonie verschleppt. Dort trieb man sie, aneinandergekettet in Gruppen zu zehn Mann, zu den Silberminen Potosís. Sie sollten dort die indianischen Zwangsarbeiter ersetzen. Die Schwarzen konnten sich jedoch nicht an das Klima der Hochebene gewöhnen. Sie „endeten“ schließlich als Plantagenarbeiter in den Tälern der Yungas, wo sie vor allem auf den Coca-Feldern arbeiteten.

Später schufen die Indios aus den Überlieferungen ihrer Vorfahren einen Tanz den sie Morenada nannten. Das reich bestickte Kostüm der Morenos, der Schwarzen, die im Mittelpunkt der Morenada stehen, wird unterschiedlich interpretiert. Es könnte einerseits den Reichtum des Herrn symbolisieren, andererseits aber auch den hohen Preis, den dieser für seinen Sklaven bezahlt hat.

Gleichzeitig erinnert das klassische Rasseln der Matracas, einer Art Ratsche, an die langen Märsche, die die Schwarzen begleitet vom Rasseln ihrer Ketten und dem Quietschen der Kutschen bis nach Charcas, Potosi und die Yungas zurücklegen mussten.

Interessant dabei: Die Morenada wurde von der indianischen Bevölkerung und den Mestizen geschaffen, nicht von den schwarzen Sklaven selbst.

Die Llamerada ist einer der ältesten Tänze der bolivianischen Folklore. Seine Ursprünge lassen sich bis zu den Aymara-Indianer zurückführen.

Mittlerweile hat die Llamerada viel von ihrem ursprünglichen mystischen Charakter verloren. So haben sich Choreografie und Schritte verändert. „Doch noch immer symbolisiert sie die Verbindung zwischen den Bewohner des Altiplano und ihren Lama-Herden. Zu bestimmten Jahreszeiten begannen die Hirten, die mehr oder minder wild lebenden Tiere in einen Menschenring zusammenzutreiben, der immer enger wurde, bis sie die Tiere mit den Händen berühren konnten. Dann entschied man, welche Tiere geschoren, geschlachtet oder bei der "Huilancha" geopfert wurden,“ berichtet beispielsweise Wikipdia.

Die meisten bolivianischen Volkstänze werden erst seit ein paar Jahrzehnten auch von Frauen getanzt. Bei der Llamerada ist das anders. Hier sind die Frauen auch seit langem in den Tanz eingebunden.

Besonders typisch für den Tanz ist die Montera, ein spezieller, quadratischer Hut, den die früheren Stammesfürsten der Aymara-Indianer benutzten. Der Mann trägt eine grobe, ¾-Stoffhose, Wollstrümpfe, ein Tragetuch und ein Lasso (beide quer über den Körper gebunden). Früher waren auch Gipsmasken mit zugespitzten Lippen (für das Pfeifen) üblich. Auch die Frauen tragen eine Montera, dazu einen meist knielangen Rock aus Bayeta-Stoff, ein Tragetuch und ebenso wie die Männer halten sie in einer Hand ein kleines Lama und in der anderen die Steinschleuder, beides Symbole für ihre Tätigkeit.

Der Diablada gilt als einer der prächtigsten und originellsten Tänze Boliviens. „Die Diablada ist gleichzeitig auch ein Symbol für den Karneval von Oruro, der 2001 durch die UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde,“ berichtet Wikipedia.

Jede bolivianische Region ist durch für dieses Bundesland typische Musikstücke und Tänze charakterisiert. Die Cueca und der Bailecito gehören zu den repräsentativsten Tänzen der Bundesländer Chuquisaca, Cochabamba, La Paz und Tarija.  Bei der Cueca kann es rhythmische Schattierungen geben. Auch das Tempo variiert je nach Region. Das Grundmuster bleibt aber immer dasselbe. Technisch besteht der Tanz immer aus drei Teilen: Einleitung, Quimba und Jaleo. Getanzt wird immer in Paaren, wobei das Taschentuch nie fehlen darf, ist es doch ein existenzieller Bestandteil dieses koketten Spiels um Verführung und Provokation der Geschlechter.

Die Kultur der afrobolivianischen Yungas war die Quelle der Tänze Tundiqui oder Negritos und der Saya. Der Caporales-Tanz hat sich daraus entwickelt. Man muß daher zwischen der Saya der Schwarzen, dem Tundiqui oder Negritos der Aymara-Mestizen und den Caporales, die heute in den Städten von Studenten und jungen Leuten, die vorwiegend aus der Mittelschicht kommen, getanzt wird, unterscheiden

Auch dieser Tanz hat eine Bedeutung. Er porträtiert den schwarzen Vorarbeiter, genannt Caporal (Korporal) Er traktiert seine ebenfalls schwarzen Untergebenen mit der Peitsche.

Anfangs verwendete man für die Kostümierung des Korporals eine Hose im Stile der deutschen Militäruniformen, dann nahm sie eher argentinische Formen an, bis sie ihre heutige Form erreichte. Typisch sind nun die hohen Stiefel mit Schellen, die Peitsche und die Maske.

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